Aufgeklärt: Gentechnisch veränderte Lebensmittel – Grund zur Panik?

von Maximilian Sondermann

Amerika – Das Land der Reichen und Schönen, der Freiheit, der unendlichen Möglichkeiten und vor allem: Das El Dorado der Gentechnik. Nirgendwo sonst auf der Welt ist der Einsatz an gentechnisch verändertem Saatgut so hoch wie hier. Bei weit über 50% aller Ackerflächen, also rund 70 Mio. Hektar Fläche, kommt Gentechnik zum Einsatz, bei Mais und Sojabohnen entfällt auf genveränderte Sorten inzwischen ein Marktanteil von mehr als 90 Prozent. Auch in China, Australien, Kanada, der Schweiz und seit neuestem auch Indien, wird zunehmend mit Gentechnik in der Landwirtschaft gearbeitet. Ziele beim Einsatz von Gentechnik in der Lebensmittelindustrie sind zum Beispiel höhere Erträge zu erzielen oder die Nutzpflanzen resistent gegen Schädlinge zu machen. Allerdings haben viele Leute Bedenken, dass gentechnisch veränderte Lebensmittel (sog. GMOs) sich schlecht auf die Gesundheit bei Mensch und Tier auswirken und die gentechnische Anbaumethoden Natur und Umwelt weitreichend verändern können.

Was ist Gentechnik eigentlich?

Menschen verändern das Genmaterial von Tieren und Pflanzen seit Tausenden von Jahren. Bestimmte vorteilhafte Eigenschaften von Pflanzen oder Tieren (z.B. Pflanzen, die viel Ertrag brachten oder Wölfe, die dem Menschen treu waren) versuchte man zu vermehren um die günstigen Merkmale zu erhalten und zu vervielfältigen. Heute sind viele Tier- und Pflanzenarten gar nicht mehr wiederzuerkennen. Wenn Menschen schon lange Gene beeinflussen, was ist dann der Unterschied zu einem genveränderten Organismus? Selektive Zucht baut auf glückliche Zufälle auf, die Gentechnik beseitigt diesen Faktor. Man wählt ganz gezielt bestimmte Merkmale aus. Bei der Gentechnik wird gezielt in das Erbgut und damit in die biochemischen Steuerungsvorgänge eines Lebewesens eingegriffen, wodurch man dann nach Belieben diese Gene und damit die Vorgänge dieses Lebewesens verändern kann. Auf diese Weise lassen sich aber auch vollkommen neuartige Lebensformen erschaffen oder andere modifizieren.

Wie alles begann…

Die Anfänge der Gentechnik reichen gut 150 Jahre zurück: 1865 kreuzte der Augustinermönch Gregor Johann Mendel, eher durch Glück, gelbe mit grünen Erbsen, um die Prinzipien der Vererbung zu erforschen. Er hätte sich bestimmt nicht träumen lassen, dass er damit entscheidend zur Entstehung eines neuen Wissenschaftszweigs beitrug: der Gentechnologie. In den darauffolgenden 100 Jahren gewannen Forscher neue Erkenntnisse. Der mit Abstand wichtigste Schritt in Richtung Gentechnik, war 1929 die Entdeckung der Desoxyribonsäure (DNS), ein Biomolekül, das in allen Lebewesen vorkommt und als Träger der Erbinformationen fungiert. 1973 war es soweit: Die Biochemiker Herbert Boyer und Stanley Cohen schafften es in einem Experiment erstmals Erbanlagen von einem Organismus auf einen anderen zu übertragen. Mit dieser Methode wurde 1986 der erste Freilandversuch mit einer Pflanze durchgeführt. Daraufhin hielt die Gentechnik Einzug in die Landwirtschaft. In den Vereinigten Staaten kam 1994 die erste gentechnisch veränderte „Anti-Matsch-Tomate“ auf den Markt, kurz darauf wurden auf großen Flächen die ersten gentechnisch veränderten Mais-, Weizen-, und Sojapflanzen angebaut. Andere Länder begannen ebenfalls diese neue Technologie in der Landwirtschaft einzusetzen. Bis heute werden immer mehr Möglichkeiten des genveränderten Saatguts entdeckt.

Sind genmanipulierte Lebensmittel schlecht?

Aber wenn man eine Ausbreitung von gentechnisch verändertem Saatgut nicht zu hundert Prozent ausschließen kann, stellt sich noch eine viel wichtigere Frage, die schon von Anfang an für Bedenken sorgte: Sind gentechnisch modifizierte Nahrungsmittel anders als herkömmliche? Bevor Lebensmittel zum Verzehr zugelassen werden, werden diese von verschiedenen Verbänden auf mögliche Gefahren geprüft. Bei genmodifizierten Nahrungsmitteln sind die Überprüfungen sogar noch genauer, die zu erfüllenden Sicherheitsanforderungen noch höher. Nach über dreißig Jahren und nach vielen tausend Studien konnte nachgewiesen werden, dass GMOs  genauso schädlich oder nicht schädlich wie herkömmliche Lebensmittel sind. In einem offiziellen Bericht der Weltgesundheitsorganisation WHO („world health organisation“) heißt es sogar: „[…] Gegenwärtig auf dem internationalen Markt erhältliche GV-Lebensmittel haben Sicherheitsbewertungen bestanden und es besteht keine Gefahr für die menschliche Gesundheit. Darüber hinaus wurden keine Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit als Folge des Konsums solcher Lebensmittel durch die Bevölkerung in den Ländern gezeigt, in denen sie zugelassen wurden. […]“ .

Aber was ist mit Pflanzen, die resistent gegen Schädlinge gemacht wurden? In den USA werden zum Beispiel Gene vom Bakterium „bacillus thuringiensis“ (sog. „bt-Kulturen“) im Mais eingepflanzt, was die Pflanze ein Protein herstellen lässt, das das Verdauungssystem von bestimmten Schädlingen zerstört. Die Pflanze kann also ihr eigenes Insektizid herstellen, Insekten die sie fressen, sterben.  Ganz schön beängstigend, wenn man bedenkt, dass man chemische Insektizide, wie sie bei herkömmlich angebautem Obst und Gemüse verwendet werden, sich einfach abwaschen lassen, während bei genmodifizierten Pflanzen das „Gift“ ja IN der Zelle steckt, oder? Kein Problem, Gift ist eine Frage der Perspektive: Was für die eine Art tödlich ist, ist für eine andere ungefährlich.  Zum Beispiel ist das Gift einer Vogelspinne giftig für Insekten und kleine Vögel, beim Menschen ist der Giftgehalt jedoch so gering, sodass ein Biss schmerzhaft, aber keineswegs gefährlich oder gar tödlich ist. Genauso verhält es sich mit den bt-Kulturen. Sie sind auf den Verdauungstrakt vieler Insekten so zugeschnitten, dass es für sie tödlich, beim Menschen jedoch harmlos sind.

Umgekehrt können Nutzpflanzen resistent gegen Unkrautvernichter gemacht werden, sodass diese ihnen nichts anhaben können: Wenn also Unkrautvernichter dann versprüht werden, sterben alle Pflanzen (Unkraut) auf dem Feld ab, bis nur noch die Nutzpflanze übrig bleibt. Und da haben wir auch gleich die Kehrseite der Medaille: Über 90% der Marktkulturen in den USA wurden inzwischen resistent gegen Herbizide gemacht, vor allem gegen Glyphosat, das sich deshalb weit ausgebreitet hat. Das ist schlecht, denn Glyphosat ist zwar bei weitem nicht so schädlich wie viele andere Unkrautvernichter , allerdings haben Bauern damit einen guten Grund sich nur auf Glyphosat zu verlassen, als nach ausgewogenen Strategien zu suchen. Diese ganzen Übermengen an Unkrautvernichter verunreinigen dann das Grundwasser und gelangen in die Natur.

Und das wiederum wirft die Frage auf: Kann man so eine Einseitigkeit bei Unkrautvernichtern, wie es sie in der gentechnisch veränderten Landwirtschaft gibt, verantworten? Nein, kann man nicht. Landwirtschaft muss nachhaltiger werden, jedoch darf man die Gentechnik nicht als Gegner, sondern als einen Verbündeten betrachten. Für die Zukunft der Lebensmittelindustrie wäre Gentechnik nämlich eine herausragende Hilfe.

Wie wir von GMOs profitieren könnenGentechnik kann uns helfen viele Probleme der Lebensmittelindustrie in der Welt zu lösen wie beispielsweise Hungersnöte, Dürren oder Ernteausfälle durch Schädlinge. Hier ein Beispiel aus Bangladesch: Auberginen sind für dieses Land sehr wichtig. Allerdings wurden vor ein paar Jahren viele Ernten durch einen Schädling, dem Auberginenfruchtbohrer, zerstört. Die Bauern hatten keine andere Wahl als Pestizide zu verwenden, was oft zu Krankheiten in der Bevölkerung führte, und außerdem die Ausgaben für Insektizide drastisch in die Höhe trieb. Die Rettung war eine 2013 eingeführte genetisch modifizierte Aubergine. Die Auberginen wurden so verändert, dass sie das bereits angesprochene bt-Protein herstellte, das  für den Auberginenfruchtbohrer tödlich, aber für den Menschen harmlos ist (vgl. weiter oben). Der Verbrauch an Insektiziden konnte in Bangladesch auf diese Weise um über achtzig Prozent gesenkt werden, der Gesundheitszustand der Bevölkerung und die Einnahmen der Bauern konnten verbessert werden. Das sind aber die nicht die einzigen Vorteile von gentechnisch verändertem Saatgut: Die Zukunft unserer Ernährung könnte durch so genanntes „Genfood“ verbessert werden. Pflanzen könnten nährstoffreicher werden, oder Obst mit mehr Antioxidantien (z.B. Vitamin C) angereichert werden, die Krankheiten vorbeugen können. Langfristig könnten wir Pflanzen erzeugen, die dem Klimawandel trotzen können, also besser mit schwierigen Wetter- und Bodenverhältnissen klarkommen würden und weniger anfällig für Dürren oder Überschwemmungen sind. Oder wir könnten sogar die Umwelt durch die Einflüsse der Landwirtschaft schützen. Wissenschaftler forschen gerade an Pflanzen, die Stickstoff aus der Luft ziehen können. Stickstoff ist ein beliebter Dünger, der aber Grundwasser verunreinigt und den Klimawandel beschleunigt. Auf diese Weise könnten Bauern große Mengen an Dünger einsparen. Manchmal ist Gentechnik die einzige Lösung: Pflanzen beispielsweise, die kurz vor dem Aussterben sind, können auf diese Weise bewahrt werden. Mitte der 90er Jahre wäre die „hawaiianische Papaya“ beinahe vom Ringspot-Virus ausgerottet worden, doch die Wissenschaft reagierte rechtzeitig und pflanzte hawaiianischen Papayas die Gene von normalen Papayas ein, die resistent gegen dieses Virus war. So konnte diese Papaya-Art vor dem Aussterben bewahrt werden.

Fazit – Gentechnik als Chance

Pro Sekunde werden 7 Mio. Kilogramm Lebensmittel weltweit vertilgt. Laut UN brauchen wir bis zum Jahre 2050 noch mal 70% mehr. Weltweit hungern derzeit 300 Mio. Menschen, weitere 800 Mio. müssen zwar nicht hungern, sind aber dennoch unterernährt. Selbstverständlich können wir noch mehr Wälder roden und noch mehr Pestizide einsetzen und die Umwelt dadurch noch mehr kaputt machen. Oder aber wir verwenden die bereits vorhandenen Flächen einfach noch effektiver – dank Gentechnik. Wenn der Mensch verantwortungsvoll mit der Gentechnik in der Landwirtschaft umgeht und sie ausreichend nach allen möglichen Risiken und Vorteilen erforscht, könnte sie eine effektive Waffe gegen den Hunger und gegen eine umweltschädliche Landwirtschaft sein.

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