Zeit für Nichts

Es ist halb zwei Uhr mittags. Ich sitze am Küchentisch, vor mir ein Teller aufgewärmter Ravioli, neben dem Teller liegt ein Tablet, auf dem die Verfilmung von Momo läuft, währenddessen lese ich einen Blogeintrag zum Thema politischer Aktivismus. Zwischendurch beantworte ich verschiedene Whatsapp-Nachrichten, eine Erinnerung an die Klausur am nächsten Tag hupt aufdringlich, Momo sucht mit Cassiopeia Meister Hora. Ich versuche mit dem Handy unter dem Kinn geklemmt alles abzuspülen, bevor ich in zehn Minuten los muss, um die S-Bahn rechtzeitig zu erwischen. Später werde ich erzählen, dass ich nichts getan habe.
Immer wieder wird argumentiert, man könne nicht nichts entscheiden, nicht nichts denken, es scheint als könne man bald nicht mehr nichts tun. Nietzsche schreibt im 19. Jahrhundert „man denkt mit der Uhr in der Hand (…) lebt wie einer, der fortwährend etwas ‚versäumen könnte‘“. Wenn ich von der Haustür zur S-Bahn hetze, von der S-Bahn zu irgendeinem unendlich wichtigen Termin, komme ich mir vor wie die grauen Herren, die ihre Lebenszeit am Zigarrenstummel in ihrem Mund bemessen. Aber ähnlich den grauen Herren habe ich das Gefühl oft gar nicht zu denken, weder mit noch ohne Uhr in der Hand.
Bleibt doch einmal freie Zeit, so setzten sich die wenigsten zum Denken nieder, vielmehr gibt man sich, wie Nietzsche weiter schreibt, einem „Leben auf der Jagd nach Gewinn“ hin.
Nicht umsonst ist ein starker Anstieg der Popularität von Streamingdiensten zu beobachten, also dem Bedürfnis nach dauerhafter Unterhaltung. Spotify wirbt damit immer und überall Musik hören zu können, Mobilfunknetz-Anbieter stellen streaming-spezifische Angebote zur Verfügung, Netflix bietet die Möglichkeit, Serien herunterzuladen, um sie selbst auf dem Handy anschauen zu können. Wer sich erholen will, konsumiert Serien, wer mit nichts außer dem scheinbar unproduktiven Reisen beschäftigt ist, konsumiert Serien, wer ihnen wirklich Zeit und Aufmerksamkeit schenken kann, konsumiert sie eher nicht. Oft fühle ich mich wie Momo, die eine Ansammlung von sprechenden Plastikpuppen vor die Füße geschleudert bekommt, von der sie sich gezwungen fühlt sie zumindest nicht direkt abzuweisen. Statt aber die grauen Herren der modernen, amerikanischen, schnell geschriebenen, oft wenig reflektierten Serien wegzuschicken wie es Momo tut, lasse ich mich von der gesellschaftlichen Konvention beeinflussen. Die Qualität, oder vielleicht sollte man sagen die Quantität der Serien, passt sich der Nachfrage, dem passiven Konsum anstelle von erholendem Müßiggang, an. „Giebt es noch ein Vergnügen an Gesellschaft und an Künsten, so ist es ein Vergnügen wie es müde-gearbeitete Sclaven sich zurecht machen.“, schreibt Nietzsche weiter in seinem Text zu Muße und Müßiggang bereits im 19. Jahrhundert. Die Situation hat sich seitdem verändert.
Menschen mögen „das Auge auf das Börsenblatt gerichtet“ zu Mittag gegessen haben, kaum aber, wie ich, umgeben von Chatverläufen und Filmen. Zu Zeiten Nietzsches waren die Puppen zu Momos Füßen noch Porzellanpuppen, jetzt sind sie künstliche Intelligenzen, die Verhalten analysieren und eine unendliche Anzahl an Verwendungsmöglichkeiten bieten. Verantwortlich für die fehlende Kultur des NichtsTuns ist die „technische Beschleunigung“ sagt Soziologie Professor Harmut Rosa. Strecken werden in kurzer Zeit überwunden, innerhalb von einem halben Tag ist es möglich über die halbe Welt zu fliegen. Nachrichten fliegen in wenigen Sekunden über die gesamte Welt, die Information über den Konsum meiner Ravioli ist in wenigen Sekunden in Amerika angekommen. „Wir erwarten voneinander eine höhere Reaktionsfrequenz“ schreibt Rosa, und das verursacht Stress. Wer nicht innerhalb weniger Stunden auf Nachrichten antwortet, bekommt das Gefühl Veranstaltungen und Freunde zu verpassen, vor allem aber wird diese Person nicht mehr eingeladen, nicht mehr gefragt, nicht mehr beachtet. Das zumindest ist die Angst. Es geht darum, möglichst viel mitzunehmen und „vor dem Sterben noch, möglichst viel zu erleben“. Im Fitnessstudio werden Filme geschaut, beim Lesen Musik gehört, auf Konzerten gechattet. Es herrscht eine ständige Gleichzeitigkeit. Man ist also ständig erreichbar, reagiert am laufenden Band auf Nachrichten und ist flexibel in seiner Planung. Dabei ist das eigentliche Ziel am meisten in kürzester Zeit zu erreichen. In unaufhaltbarer Hektik hastet man den grauen Herren gleich durch die Stadt nicht um Momo, aber um das erfüllte Leben zu finden. Allen Aktivitäten, die nicht direkt leistungsorientiert sind, wird der Sinn der Fitness oder Wellness zugeschrieben, ein Ausflug wird gemacht, um die Körperkreisläufe anzuregen, Schwimmen gegangen, um die Rückenmuskulatur zu stärken, ja selbst Entspannung trägt oft den Titel Yoga.
Aber würde ich meinem Leben nicht durch Produktivität Sinn geben, wäre ich das Subjekt meiner Beschäftigung. Die Angst davor, festzustellen, ich würde mich ohne Hektik in Rauch auflösen, nur Leere finden, ist größer als der Wunsch eines substanziellen Gedankengangs. Hartmut Rosa beschreibt diese Angst als ein fehlendes „Vertrauen darauf, dass in der Tiefe unserer selbst etwas ist, wenn man nichts von außen aufdrängt.“ Und so ist das, was wir noch als Nichtstun

bezeichnen, also der passive Konsum von schlechten Serien, oder der Schlaf, nichts als eine Reproduktion unserer Arbeitskraft.
Karl Marx beschreibt das Kapital als zirkulierend. Dem passt sich der Mensch an, auch er zirkuliert. In einem Wechsel von Regeneration und Produktion richtet er fast unwissentlich sein gesamtes Leben auf die Anforderungen der kapitalistischen Gesellschaft aus. Die Arbeit wird abgelöst von gerade so viel Entspannung, dass der Mensch sich auch im Wellness und Fitness durch Produktivität bestätigt fühlt und fähig ist, weiter zu arbeiten. Laut einer Umfrage sind mehr Deutsche häufig gestresst als Deutsche nie gestresst sind, jeder zehnte ist ständig gestresst. Das sind beunruhigende Zahlen, die im unsere Leistungsgesellschaft fleißig prägt. Es sollte auf die Frage „Was hast du heute schon gemacht?“ öfter ein provokatives „Nichts“ folgen.
Ich selbst bekomme bei dieser Antwort allerdings Bedenken, ein kleiner grauer Herr in meinem Kopf streut Zweifel. Wie sähe eine Gesellschaft des NichtsTuns aus? Wie würde sie sich erhalten, wenn niemand arbeitet? Rein individuell schreibt Stanislaw Dick über die physischen Auswirkungen des NichtsTuns „Das Gehirn verändert dann die Richtung seiner Aufmerksamkeit, lenkt sie nach Innen.“ Das was teure als Selbsterfahrung in den Bergen ohne WLAN angeboten wird, könnte also einfach durch Nichtstun erreicht werden. Aber was würde gesamtgesellschaftlich passieren? Darauf gaben politische Theoretiker wie Pjotr Kropotkin schon Ende des 19. Jahrhunderts eine Antwort. Wenn weniger aus Gründen der Wettbewerbsfähigkeit weggeworfen werden würde und technische Möglichkeiten sinnvoller genutzt würden, müsste jeder Mensch maximal vier Stunden am Tag arbeiten. Die übrigen 20 Stunden blieben zum schlafen und Nichtstun. Also zur ruhigen, beschaulichen Freizeit, wie der Duden Muße definiert. Statt einer Gesellschaft der grauen Herren würde eine Gesellschaft der Muße entstehen. Statt anhaltendem Stress sorgt Selbstreflexion während Zeiten des Nichtstuns dafür, herauszufinden welche der vielen Möglichkeiten wirklich notwendig und ob die schnelle Reaktionszeit auf Nachrichten wirklich sinnvoll ist.
Es ist halb zwei Uhr nachmittags, ich esse Ravioli. Danach schaue ich aus dem Fenster und denke über das vollkommene Blau des Himmels nach. Solange ich versehentlich noch Zeitblumen-Zigarren in den Mundwinkeln habe und eine Entschuldigung fürs Nichtstun brauche, handelt sich um einen Protest. Um einem Protest gegen die kapitalistische Leistungsgesellschaft. Ich möchte nicht nur entspannen, um ein gutes Zahnrad in der Arbeitswelt zu sein, ich möchte nicht nur entspannen um erholt zu sein um mich zu verausgaben um mich wieder erholen zu müssen. „Und was hast du heute Mittag gemacht“, werde ich gefragt. „Nichts.“

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